Depressionen können jeden Menschen treffen. Umso wichtiger ist es, darauf vorbereitet zu sein. Im Interview gibt eine Diplom-Psychologin Tipps, wie Betroffene und Angehörige besser mit der Erkrankung umgehen können – und was sich vorbeugend tun lässt.

Dieser Text beschäftigt sich mit Depressionen. Betroffene oder Menschen, die das potenziell belastet, sollten eventuell nicht weiterlesen. Stattdessen gibt es am Ende des Textes Infos zu kostenlosen und anonymen Beratungsstellen.

Depressionen: Wege aus der Hilflosigkeit

Ein Drittel der Deutschen ist aktuell oder war in der Vergangenheit von einer Depression betroffen – das zeigt eine Studie zur mentalen Gesundheit des Vorsorgeunternehmens Swiss Life Deutschland. Bis zu ein Drittel unserer Bevölkerung leidet irgendwann im Leben an einer depressiven Erkrankung – davon gehen aktuelle Modellrechnungen aus. Eine gedrückte, traurige Stimmung sowie Interessen- und Freudlosigkeit zählen zu den Hauptsymptomen der Erkrankung. Hinzu können weitere Symptome wie eine erhöhte Ermüdbarkeit, das Gefühl von Wertlosigkeit oder Teilnahmslosigkeit kommen. Eine Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zeigt, dass sich 84 Prozent der Erkrankten während ihrer Depression aus sozialen Beziehungen zurückziehen. 72 Prozent gaben an, sie hätten sich anderen Menschen nicht mehr verbunden gefühlt.

Rückzug als Symptom der Depression

Und so belastet die Erkrankung auch meist die Partnerschaft, Familie, Freundinnen und Freunde der Betroffenen stark. Sie fühlen sich mit der schwierigen Situation oft überfordert und hilflos. Dr. Sophia Schneider, Diplom-Psychologin und externe Beraterin für Swiss Life, kennt die Problematik aus ihrem Berufsalltag. Im Interview gibt die Expertin Tipps, wie Betroffene und Angehörige besser mit der Erkrankung umgehen können und was sich vorbeugend tun lässt.

Frau Dr. Schneider, welche Erfahrungen haben Sie mit Depressionen gemacht?
Ich arbeite seit vielen Jahren sowohl im stationären Umfeld als auch im psychotherapeutischen Bereich mit Betroffenen. Daher weiß ich, dass es ein riesiges Spektrum an Depressionen gibt. Von einmaligen depressiven Episoden über wiederkehrende depressive Störungen oder lang anhaltende depressive Verstimmungen, die als Dysthymie bezeichnet werden, bis hin zu chronischen Depressionen.

Was lässt sich vorbeugend tun?
Es gibt zum Beispiel Erkenntnisse aus der Forschung, dass Sport tatsächlich sehr hilfreich ist, um Depressionen vorzubeugen. Bei diesen Untersuchungen wurde deutlich, dass bereits eine geringfügige körperliche Betätigung einmal wöchentlich diesen positiven Effekt hat. Es geht also nicht um Hochleistungssport.

Das klingt gut und ist auch im Alltag machbar.
Ja, der Sport sollte außerdem Freude bereiten. Es ist also egal, ob man zum Beispiel Yoga, Nordic Walking oder Radfahren mag. Hauptsache, man kommt in Bewegung. Sport hilft übrigens nicht nur präventiv, sondern auch, wenn man bereits an Depressionen erkrankt ist.

Was kann man sonst noch tun, um Depressionen vorzubeugen?
Es ist wichtig, dass im sozialen Umfeld die Möglichkeit besteht, offen miteinander zu sprechen, unterschiedliche Perspektiven auf Themen und Probleme zu erhalten und diese auch zuzulassen und anzunehmen. Bei Menschen, die zu Depressionen neigen, kann das unter Umständen in der Ursprungsfamilie schwierig werden. Manchmal steckt man da in einer bestimmten Rolle fest, und dann kann ein zu enger Kontakt auch eher kontraproduktiv sein. Im Freundeskreis oder auch in der Partnerschaft sind die Bedingungen für einen vertrauensvollen Austausch dann oft besser.

Kann Stress auch ein Auslöser sein?
Es gibt viele Ursachen, aus denen Depressionen entstehen können, zum Beispiel hormonelle Veränderungen oder eine genetische Veranlagung. Oft ist es auch ein Zusammenspiel aus unterschiedlichen Faktoren. Psychosoziale Belastungen wie Stress spielen auf jeden Fall eine entscheidende Rolle. Allerdings würde ich nicht sagen, dass man Stress generell vermeiden muss. Es geht eher darum, wie man mit ihm umgeht und was man tut, um Stress auszugleichen.

Sophia Schneider
Ich wünsche mir, dass die Gesellschaft offener mit Depressionen umgeht.

Wie sehen Sie die aktuelle Entwicklung mit einem größer werdenden Interesse der Öffentlichkeit und dass immer mehr Betroffene darüber reden?

Das sehe ich sehr positiv. Denn es gibt nach wie vor ein großes Stigma, das mit psychischen Erkrankungen verbunden ist. Das ist ein Problem, weil viele Menschen sich dadurch scheuen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es ist ihnen peinlich, zu einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten zu gehen. Ein großer Anteil der Betroffenen begibt sich daher gar nicht erst in Behandlung. Und das ist fatal, denn wie bei den meisten physischen Krankheiten wird die Erkrankung unbehandelt schlimmer. Ich würde mir daher noch mehr Aufklärung über das Thema in der Öffentlichkeit wünschen.

Welche typischen Vorurteile begegnen Menschen mit Depressionen?
Ich habe bei meiner Arbeit in der Psychiatrie erlebt, dass lieber gesagt wird, man habe einen Burn-out als „ich habe eine Depression“. Das liegt auch an der Wahrnehmung in der Gesellschaft. Schließlich muss jemand, der einen Burn-out hat, zuvor ja richtig hart und viel gearbeitet haben. Das wird dann anerkannt, während von Menschen mit Depressionen oft erwartet wird, dass sie sich doch einfach mal zusammenreißen und positiver denken sollten.

Wie geht die Politik damit um? Wo muss mehr getan werden?
Ich würde mir wünschen, dass der Fokus der Behandlung mehr auf Nachhaltigkeit gelegt wird und weniger darauf, dass Betroffene möglichst schnell wieder arbeiten können. Denn der Faktor Zeit spielt bei Depressionen eine wichtige Rolle. Um innere Themen oder unbewusste Muster wirklich nachhaltig anzugehen, braucht es einfach eine gewisse Zeit, und auch die Dauer stationärer Aufenthalte sollte sich nach den Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten richten. Werden diese zu kurz angesetzt, können sich sogenannte Drehtürpatienten entwickeln, die zum Beispiel immer wieder in stationären Einrichtungen landen. Ein nachhaltigeres Konzept wäre daher meiner Meinung nach nicht nur im Interesse der Betroffenen, sondern langfristig auch im Interesse unserer gesamten Gesellschaft.

Was ist mit dem Mangel an Therapieplätzen? Davon hört man ja auch immer wieder.
Die fehlenden Kassenzulassungen für ambulante Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sind ein großes Problem. Im Durchschnitt warten Patientinnen und Patienten ein halbes Jahr auf einen Platz. Das ist viel zu lange. Dadurch müssen viele Menschen unnötig leiden und sie resignieren. Bei Depressionen zählt eine Antriebsstörung zu den wichtigsten Merkmalen. Das bedeutet, dass es Betroffenen besonders schwerfällt, dranzubleiben und einen der wenigen Therapieplätze zu ergattern.

Wie kann eine Behandlung aussehen?
Das ist sehr unterschiedlich, da es, wie bereits erwähnt, ein riesiges Spektrum an Depressionen gibt. In den meisten Fällen ist Psychotherapie ein geeignetes Mittel; hier gibt es verschiedene Verfahren wie zum Beispiel die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die kognitive Verhaltenstherapie oder die systemische Therapie. Welches der Verfahren sich jeweils am besten eignet, wird individuell festgelegt. Auch der Einsatz von Medikamenten zählt zu den wichtigsten Säulen der Behandlung.

Welchen Rat haben Sie für Außenstehende? Wie sollen sie mit Betroffenen umgehen?
Das kommt auf die Beziehung zum betroffenen Menschen an, also ob es sich zum Beispiel um eine Arbeitskollegin, einen Arbeitskollegen oder ein Familienmitglied handelt. Generell gilt, dass man sich nicht abschrecken lassen oder auf Distanz gehen sollte, wenn man von der Erkrankung erfährt. Man sollte signalisieren, dass man da ist, und zuhören. Es geht nicht darum, Ratschläge wie „geh doch einfach mal positiver an die Sache ran“ zu erteilen. Das wäre nicht hilfreich. Ich empfehle, sensibel und verständnisvoll zu sein und sich langsam heranzutasten. Aufgrund der Antriebsstörung, die mit einer Depression einhergeht, kann es passieren, dass sich die Person zeitweise zurückzieht. Auch dafür sollte man Verständnis haben.

Depressionen: Tipps für Angehörige

Was kann man tun, wenn man sich mit der Situation überfordert fühlt?
Vor allem für die Angehörigen der Betroffenen ist der Umgang mit der Erkrankung eine große Herausforderung. Hier ist es wichtig, nicht über die eigene Belastungsgrenze hinauszugehen, sich rechtzeitig abzugrenzen. Selbstfürsorge ist ein wichtiges Stichwort. Man sollte außerdem aufpassen, nicht zur Pseudotherapeutin oder zum Pseudotherapeuten zu werden. Stattdessen kann man Betroffenen zum Beispiel Hinweise auf professionelle Hilfe geben und ihnen Kontaktdaten heraussuchen, wohin sie sich wenden können. Vor allem bei Suizidalität ist es immer wichtig, professionelle Hilfe hinzuzuziehen.

Hier finden Sie Hilfe

Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Infotelefon: 0800 3344533 (Mo., Di., Do.: 13–17 Uhr;
Mi., Fr.: 08:30–12:30 Uhr)

Telefonseelsorge (Anruf kostenfrei, die Menschen am Hörer arbeiten ehrenamtlich und haben zum
größten Teil keine therapeutische Ausbildung): 0800 1110111 und 0800 1110222

online unter www.psychenet.de/de/hilfe-finden/schnelle-hilfe/soforthilfe

Umgang mit Depressionen: Auch die finanzielle Vorsorge ist wichtig

Psychische Erkrankungen sind mit großem Abstand der häufigste Grund, warum Menschen berufsunfähig werden. Wer den eigenen Beruf aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr ausüben kann, muss mit starken finanziellen Einbußen rechnen, da der Staat nur eine geringe finanzielle Absicherung bietet. Ein Szenario, das existenzbedrohend sein kann, da die Kosten für den Lebensunterhalt wie Miete, Gas, Öl, Strom und Lebensmittel weiterhin gezahlt werden müssen. Hinzu kommen eventuell noch laufende Kredite.

Damit Sie auch in schwierigen Zeiten finanziell selbstbestimmt leben können, ist es wichtig, rechtzeitig eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) abzuschließen. Diese leistet – je nach persönlicher Ausgestaltung – einen finanziellen Ausgleich.

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Schließen Sie frühzeitig eine Berufsunfähigkeitsversicherung ab, damit Sie im Ernstfall finanziell selbstbestimmt bleiben können. Wir beraten Sie gern dazu.

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