Nach dem BWL-Studium Karriere machen? Klar! Dabei etwas Gutes tun? Unbedingt! Mit ihrem sozialen Start-up „Kuchentratsch“ verwirklichte Katharina Mayer ihre Idee, Omas Lieblingskuchen auch in ihrer neuen Heimat genießen zu können. Jetzt leben vorwiegend Seniorinnen ihre Backleidenschaft aus, Männer packen an und bringen den Kuchen zu den Kunden. Sie alle knüpfen neue Kontakte, verdienen sich etwas zur Rente dazu und verwirklichen so ihre Vorstellungen von Selbstbestimmung im Alter – und noch dazu als Team. Inzwischen liefert das Start-up nicht nur deutschlandweit aus, sondern auch Backmischungen an den Handel.

Wie entstand die Idee von Kuchentratsch?
Ich habe mich während meines BWL-Studiums mit dem Thema Entwicklungszusammenarbeit beschäftigt –  und mit der Frage, wie wirtschaftliches Handeln gesellschaftliche Veränderung bringen kann. Gleichzeitig fehlte mir in der neuen Stadt der leckere Kuchen meiner Oma. So kam mir der Gedanke: Warum in die Ferne schweifen und nicht direkt vor Ort positiven Wandel bewirken? Es entstand die Idee, Omas und Opas vor Ort gemeinsam backen zu lassen, damit sie neue Kontakte knüpfen, ihre Backleidenschaft ausleben können und sich etwas zur Rente dazuverdienen können. Das Ganze wird über den Kuchenverkauf finanziert. So habe ich mit 24 Jahren beschlossen, alles auf eine Karte zu setzen –  und Kuchentratsch gegründet.

Gründerin mit einer Oma

Bild: Mona Gaida und Reiner Hübsch

Was gab es für Reaktionen auf die Idee aus dem persönlichen Umfeld?
Die größte Herausforderung gab es für mich tatsächlich gleich ganz am Anfang: Ich musste meine Familie und Freunde davon überzeugen, dass ich mit meinem BWL-Studium nicht in den super bezahlten sicheren Angestelltenjob starte, sondern mein eigenes soziales Unternehmen mit Omas, Opas und Kuchen aufbauen will. Da gab es am Anfang in meinem Umfeld viele Zweifel. Umso schöner war es dann, die ersten Erfolge vorzuweisen und zu merken: Es hat sich gelohnt, an meine Idee und mich zu glauben.

Wurde die Idee als Geschäftsmodell von Investoren ernst genommen?
Bei der Finanzierung sind wir mit einer Crowdfunding-Kampagne gestartet, die super funktioniert hat. Mir war schon sehr früh klar, dass unser Ansatz, Wirtschaftlichkeit und soziale Verantwortung zu verknüpfen, zukunftsweisend ist und sehr viel Wachstumspotenzial mit sich bringt. Da ich von Anfang an selbst so überzeugt war, konnte ich auch Investoren schnell für die Idee gewinnen.

Gründerin Katharina Mayer in der Backstube mit einem Opa

Bild: Lara Freiburger

Was waren die ersten Schritte bei der Umsetzung?
Zunächst musste eine passende Immobilie in München gefunden werden. Das war die größte Hürde am Anfang. Durch Zufall haben wir die heutige Backstube entdeckt. Für die Ausstattung haben wir die Crowdfunding-Kampagne gestartet, welche uns nicht nur finanziell geholfen, sondern auch gezeigt hat, dass wir Menschen mit dem Konzept begeistern können. Natürlich gab es dann erstmal eine Durststrecke, bis das Unternehmen finanziell auf sichereren Füßen stand.

Wie schwer war es, sich einen Platz am Kuchenmarkt in München zu sichern und folglich einen Namen zu machen?
Die soziale Idee hinter Kuchentratsch und auch die starke Emotionalität, die das Thema Großeltern auslöst, hat uns den Start erleichtert. Am Anfang ist es natürlich eine große Aufgabe, Reichweite und Bekanntheit zu erlangen. Nachdem aber die Süddeutsche auf uns aufmerksam geworden ist, waren wir im Stadtgebiet München relativ schnell bekannt. Die größte Reichweite erzielten wir aber 2018 bei unserem Fernseh-Auftritt in „Die Höhle des Löwen“. Seither kennen uns auch national viel mehr Menschen. Die Öffentlichkeit in den Medien hat uns wirklich weitergebracht.

Nicht einsam im Alter, sondern mit einer Aufgabe: Eine Oma lebt ihre Backleidenschaft im Start-up aus.

Bild: Mona Gaida und Reiner Hübsch

Wie gehen Sie als Gründerin mit Rückschlägen um?
Rückschläge gehören zum Gründen dazu. Da helfen eine große Portion Optimismus und ein gutes Durchhaltevermögen sehr, wenn man sein eigenes Unternehmen aufbauen möchte. Was ich erst im Laufe der Zeit gemerkt habe: Es ist wahnsinnig wichtig, sich selbst nicht zu vergessen. Also Urlaube fest einplanen und auch wirklich realisieren, regelmäßig Sport an der frischen Luft und Freunde treffen, auch wenn die Woche super voll ist, sich Zeit für sich nehmen. Denn nur auf dieser Basis hält man die Hochs und Tiefs als Gründerin aus.

Welche Start-up-Klischees erfüllt Kuchentratsch?
Der Ton bei uns ist schon sehr freundschaftlich, unser Team verbringt auch privat Zeit miteinander. Wir haben eine flache Hierarchiestruktur, eine 4-Tage-Woche und es gibt viel Flexibilität. Als überraschend nehmen die meisten wahr, wie gut strukturiert wir trotz des Start-up-Status sind. Aber bei uns stehen weder ein Tischkicker noch ein Bierkühlschrank im Büro.

Gab es besondere Ereignisse, die dazu geführt haben, dass das Unternehmen gewachsen ist und einen Schub nach vorn bekommen hat?
Unser Auftritt in „Die Höhle des Löwen“ hat uns einen riesigen Wachstumsschub gegeben. Einen so großen Schritt nach vorn hätten wir ohne die Sendung nicht so schnell gemacht. Ansonsten sind wir aber durch eigene Businessentscheidungen weiter vorangekommen, wie zum Beispiel die Einführung des deutschlandweiten Kuchenversands, was uns den B2B-Bereich stärker eröffnet hat. Ein weiterer Schritt war der Launch unserer ersten fünf Backmischungen von Oma und Opa im Lebensmitteleinzelhandel.

Schmeckt garantiert wie bei Oma oder Opa: Die leckeren Kuchen aus der Backstube von Kuchentratsch.

Bild: Mona Gaida und Reiner Hübsch

Wie schafft man es als Unternehmerin, in einer wachsenden Mannschaft den Team-Spirit aufrecht zu erhalten?
Jeder Erfolg – aber ganz besonders jedes Tief – hat unser Team enger zusammengeschweißt. Wir sind ja noch kein riesiges Team, haben aber trotzdem schon viel miteinander durchgemacht. Natürlich haben uns auch schon Teammitglieder verlassen, aber bislang lag das nicht an Wendungen, die Kuchentratsch genommen hat, sondern an persönlichen Faktoren. Super wichtig ist es, Strukturen zu etablieren, die das Zusammenarbeiten im Team fördern. Also zum Beispiel keine leistungsorientierte Bezahlung, das Aufsetzen von Core Values, die dann auch im Unternehmen gelebt werden und nicht zuletzt die Einstellung von Menschen, die im Team arbeiten können und wollen.

Einerseits ein junges Start-up-Team – auf der anderen Seite die Omas und Opas, die gemanagt werden wollen: Wie geht das?
Das ist eine riesige Bereicherung, aber auch die größte Herausforderung von Kuchentratsch. Ich habe gemerkt, dass Kommunikation entscheidend und extrem wichtig ist. Manche unserer älteren Bäckerinnen haben zum Beispiel nicht gelernt, dass es vollkommen in Ordnung und auch wichtig ist, eigene Bedürfnisse zu äußern. Herauszubekommen, was sie sich wirklich wünschen oder was sie stört, ist deshalb schwierig. Um solche Themen anzugehen, aber auch, um das Teamgefühl zu stärken, führen wir regelmäßig Teamevents durch. Wir waren zum Beispiel für drei Tage gemeinsam am Achensee für Teamtage und machen jedes Jahr einen Teamausflug. Es finden gemeinsame Feiern in der Backstube statt und quartalsweise Mitarbeiterbesprechungen. Gleichzeitig arbeiten Alt und Jung aber auch eng zusammen, weil jedes „junge“ Büromitglied circa einmal die Woche die Backschicht mit den Omas und Opas leitet. So gibt es immer Austausch und ein Miteinander.

Eine Oma rollt Teig aus

Bild: Mona Gaida und Reiner Hübsch

Mit welchen Erwartungen fangen neue Mitarbeiterinnen bei Kuchentratsch an?
Mit der Erwartung, in einem Job mit Sinn zu arbeiten. Das ist die größte Motivation für alle, die neu ins Team kommen: das Leben von älteren Menschen durch die Backstube lebenswerter zu machen.

Was tut das junge Unternehmen, um neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen – und langfristig zu halten?
Generell sind betriebliche Altersvorsorge oder auch betriebliches Gesundheitsmanagement wichtige Themen und eine gute Basis. Für mich sind sie aber kein Mittel, um neue Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter zu gewinnen oder zu halten. Da stehen für mich die passende Wertebasis und die Motivation ganz klar im Vordergrund. Einen gesellschaftlichen Wandel mit dem eigenen Tun voranbringen, Neues lernen und sich weiterentwickeln können, Aufgaben zu übernehmen, die Spaß machen und den eigenen Fähigkeiten entsprechen, selbstverantwortlich handeln in einem Team, das gut zusammenarbeitet: Das alles sind für mich Dinge, mit denen ich meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewinne und halte.

Sollten sich bereits junge Gründer und Unternehmer Gedanken um die Absicherung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Alter machen?
Als Gründerin oder Gründer startet man mit so wahnsinnig vielen neuen Themen gleichzeitig und muss Prioritäten setzen: Wir mussten uns zum Beispiel anfangs intensiv mit der Handwerksrolle auseinandersetzen, um den Backbetrieb ordnungsgemäß anlaufen lassen zu können. Als Gründerin ist man eben oft Pionierin und geht neue Wege. Das erfordert viel Zeit und Energie, um sich in neue Themen einzuarbeiten. Und diese fehlen dann an anderer Stelle. Aber die Absicherung und Vorsorge ist ein wichtiges Thema. Und ich bin ganz ehrlich: Wir sind es noch nicht konkret angegangen, aber das sollte sich schleunigst ändern.

Im Gespräch: Katharina Mayer und eine Oma

Bild: Mona Gaida und Reiner Hübsch

Die Corona-Pandemie hat das Unternehmen schwer getroffen, weil die Omas und Opas ja besonders geschützt werden müssen: Die Backstube ist geschlossen. Wohl kaum ein Unternehmen war auf etwas wie einen großflächigen Lockdown vorbereitet.

Wie ist das Unternehmen durch die vergangenen Monate gekommen?
Die Schließung der Backstube war meine bisher schwierigste Entscheidung als Unternehmerin. Nicht nur, weil unser kompletter Kuchenumsatz auf einmal wegfiel, sondern auch, weil einige unserer Omas und Opas alleine zu Hause waren und ihnen der Anschluss in der Backstube und die Beschäftigung sehr fehlten. Wir hatten glücklicherweise im vergangenen Jahr schon ein neues Thema angeschoben: Wir wollten den größten Schatz von Kuchentratsch, die Rezepte der Omas, in ein neues Businessmodel verwandeln. Entstanden ist die erste Backmischung von Oma und Opa, deren Gewinn zu 100 Prozent in die Schaffung neuer Backplätze bei Kuchentratsch fließt. Die erste Produktion fiel genau in den Corona-Lockdown, so dass der Umsatz daraus letztendlich die Backstube vor der Schließung bewahrt hat. Für mich war das die Bestätigung dafür, dass es wichtig ist, immer einen Plan B in der Tasche zu haben und sich als Unternehmerin oder Unternehmer nie nur auf eine Sache zu verlassen. Seit Anfang August hat die Backstube nach mehr als viereinhalb Monaten mit einem neuen Hygienekonzept wieder geöffnet. Das war ein wahnsinnig schöner Moment, die Omas und Opas nach so langer Zeit wiederzusehen!

Was sieht die Vision für das Unternehmen mit Blick auf die nächsten fünf Jahre aus?
Wir wollen mit Kuchentratsch das Leben von noch viel mehr Omas und Opas in München lebenswerter machen – und als Social-Start-up andere, größere Unternehmen dazu inspirieren, Wirtschaftlichkeit und soziales Handeln miteinander zu verbinden.

Mehr über Kuchentratsch in München: https://bit.ly/3gf4jn8
 

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