Der demografische Wandel belastet zunehmend das Rentensystem in Deutschland. Politische Reformen müssen her. Im Interview mit FOCUS erklärt Swiss Life CEO Jörg Arnold warum die private Altersvorsorge gestärkt werden muss und die Menschen mehr Möglichkeiten zur Selbstbestimmung erhalten sollten.

FOCUS Online: Herr Arnold, als Deutschland-Chef eines großen Versicherungskonzerns: Wie sicher ist unsere Rente?  
Jörg Arnold: Norbert Blüm hätte sicherlich Schwierigkeiten, seine Rente-ist-sicher-These zu halten. Es gibt zahlreiche Probleme. Aufgrund der demografischen Entwicklung haben wir immer weniger Beitragszahler, zudem leben die Menschen immer länger. Da der staatliche Zuschuss nicht vom Himmel fällt, brauchen wir Reformen. Andernfalls gäbe es nur drei Lösungen: Das Rentenalter anheben, die Beitragszahlungen erhöhen oder die Leistungen reduzieren. 

Wie könnten Reformen aussehen?
Arnold: Die erste Säule unserer Altersvorsorge ist in Schwierigkeiten, aber bei der gesetzlichen Rente können wir nicht unbegrenzt gegensteuern. Mein Blick richtet sich daher eher auf die betriebliche und private Vorsorge, also Säulen zwei und drei. Daher sollten wir zum Beispiel die Rahmenbedingungen für die Betriebsrente verbessern. 

Dort gibt es das Betriebsrentenstärkungsgesetz.
Arnold: Stimmt. Aber es ist noch zu früh, darüber final zu urteilen. Grundsätzlich sehe ich das Problem, dass immer noch Garantien verlangt werden, die sich nicht erwirtschaften lassen. 

Speziell bei der betrieblichen Altersvorsorge und Riester? 
Arnold: Genau. Das ist nicht umsetzbar. Wenn die Kundensicherheit im Vordergrund steht, dann ist die deutsche Staatsanleihe erste Wahl, sie gilt als nicht ausfallbar. Und die Rendite? 10 Jahre für minus 0,4 Prozent, schlimmer als gar nichts. Wie sollen die Versicherer da eine Garantie der eingezahlten Beträge anbieten können?

Bei Riester verlangt die Versicherungsbranche ja zumindest hohe Gebühren, das wird auch immer wieder kritisiert. 
Arnold: Ich verstehe diese Kritik nicht. Da wird auf dem Rücken von Riester eine Stellvertreterdiskussion geführt. 16,5 Millionen Deutsche riestern. Für eine freiwillige Lösung ist das eine gute Zahl. Aber auch hier müssen dringend politische Reformen her. Zu den Gebühren: Fakt ist, dass Riester für Lebensversicherer ein Zuschussgeschäft ist. Wir als Swiss Life haben das Angebot vor einigen Jahren eingestellt, weil wir das nicht profitabel betreiben können. Riester ist heute sehr kleinteilig und mit einem hohen Arbeitsaufwand verbunden. Ganz wichtig: Auch hier ist eine 100-Prozent-Garantie nicht darstellbar.  Was ist denn realistisch? 
Arnold: Die Anbieter brauchen Möglichkeiten, Gelder mit Risiko anzulegen, um auch Renditen größer Null für ihre Kundinnen und Kunden erwirtschaften zu können. Daher sollten sich die Garantien im Bereich von 60 bis 80 Prozent bewegen. 

Jörg Arnold_Swiss Life_Quelle www.danielgeorge.de

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Welche Reformen der Altersvorsorge sollte die nächste Regierung nach der Bundestagswahl anpacken? Was stellen Sie sich denn da vor? 
Arnold: Die Zulagensystematik muss vereinfacht werden, es darf keine Spezialfälle mehr geben. Darüber hinaus sollte die Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage stärker eingebracht werden können. Und, wir müssen weg von Garantien hin zu Renditen.Sie sagten vorhin, dass bei der Säule 1 nicht so viele Möglichkeiten bestehen würden. Aber bei der gesetzlichen Rente wird doch darüber diskutiert, ob das Umlageverfahren noch zukunftsfähig ist oder ob es ein kapitalgedecktes Verfahren geben muss. Stichwort Staatsfonds. 

Arnold: Es wird viel über die skandinavischen Systeme geredet: der Staatsfonds in Norwegen oder der in Schweden, den ich persönlich ganz gut kenne und dem auch die Politik mehr Beachtung schenkt. Einen Komplettwechsel sehe ich aber nicht, beide Systeme haben Vor- und Nachteile.  

Warum kennen Sie die schwedische Variante ganz gut? 
Arnold: Das hat auch private Gründe, meine Schwiegermutter kommt aus Schweden. Beim schwedischen Staatsfonds fließt ein Teil der Rentenbeiträge in Aktien, die Bürger dort müssen Geld am Kapitalmarkt für die Rente zurücklegen. Das kann über den staatlichen Aktienfonds geschehen oder individuell, wenn der Versicherte dies ausdrücklich mitteilt. Das finde ich wichtig, denn mir leuchtet nicht ein, warum der Staat der bessere Kapitalanleger sein soll. Die Kosten sind aber relativ gering, weil das System obligatorisch ist, oder? 
Arnold: Die Kosten des Staatsfonds beruhen nur auf der Anlage. Wir als Lebensversicherung kümmern uns im Sinne unserer Kundinnen und Kunden aber noch um viele weitere Dinge wie Renten- und Vertragsverwaltung, Beratung und vieles mehr. Ich habe darüber hinaus die Sorge, dass Gelder aus einem Staatsfonds auch politisch motiviert umgewidmet werden können.  

Aus Ihrer Sicht nachvollziehbar, denn die Versicherer profitieren von einem Staatsfonds wenig. 
Arnold: Ich sehe das vor allem aus Kundensicht. Der Fonds in Schweden ist zu 100 Prozent in Aktien investiert, das Risiko ist je nach Appetit des Kunden dann zu hoch. Andere Anlageklassen werden vernachlässigt. Ich finde das Angebot eines passiv gemanagten Fonds, verbunden mit Altersvorsorge-Produkten wie einer fondsgebundenen Rentenversicherung besser. ETFs gehören zu den beliebtesten Anlagen und sind kostengünstig. Diese Schweden-Modell-Musterlösung ist also jetzt schon für jedermann auch in Deutschland zu bekommen — und zudem noch je nach individueller Risikoneigung, die bei jedem anders ist. Wir sollten animieren, vorzusorgen.Sie scheinen generell nicht so ein Freund des Staates zu sein. 
Arnold: Wir verstehen uns als Partner. Mich stört aber, dass in den politischen Vorschlägen unterstellt wird, dass wir uns als Land noch mehr leisten können. Aber die Schuldenbremse existiert, wir haben nur noch beschränkte Möglichkeiten, uns zu verschulden. Auch die Rolle der EZB ist diskutabel: Sie kauft einen Großteil der Anleihen auf, dadurch gibt es quasi einen endlosen Zugang zu Geld. Geht das ewig gut? Wir tragen doch Verantwortung für die nachfolgenden Generationen.

Also kein Staatsfonds …
Arnold: Ich befürchte eine Vollkasko-Mentalität. Es entsteht ein Lebensgefühl: „Am Ende kümmert sich der Staat schon.“ Aber die Menschen wollen selbstbestimmt leben, das eigene Schicksal in die Hand nehmen und das Geld arbeiten lassen. Wir brauchen mehr Eigenverantwortung, Unternehmertum und Gründergeist. Der Staat bietet nur eine Einheitslösung für alle. Menschen haben jedoch unterschiedliche Bedürfnisse und ändern ihre Lebensentwürfe im Laufe des Lebens häufiger. Dafür brauchen sie individuelle Lösungen. Darauf gehen wir in der Beratung ein und darauf sollten wir uns konzentrieren.

Der Staat sollte also seine Macht nach Corona wieder zurückfahren?  
Arnold: Nehmen Sie Biontech. Wäre der Impfstoff so schnell entstanden, wenn Menschen nicht gesagt hätten, wir wollen dieses Thema nach vorne bringen? Wir als Gesellschaft brauchen eine selbstbestimmte, unternehmerische Haltung und diese sollten wir fördern. Politik hat auch etwas Pragmatisches, keine Frage. Bei fast allen Parteien gibt es viele vernünftige Gedanken. Aber bei Finanzthemen herrschen auch viel Dogmatik und Vorurteile:  Da ist es schwer, mit Fakten zu punkten; wie viel Zeit wir in die Beratung unserer Kundinnen und Kunden investieren zum Beispiel und dass wir es sind, die die Menschen dazu animieren, sich über ihre finanzielle Vorsorge Gedanken zu machen. Niemand steht morgens auf, und sagt: „Heute schließe ich eine private Altersvorsorge ab, um meine klaffende Rentenlücke zu schließen.“ Wir setzen das Thema auf die Agenda der Menschen. Vor allem junge Menschen, die in den letzten Jahrzehnten durch fehlende politische Reformen vernachlässigt wurden, vertrauen uns ihre Vorsorge an. 69 Prozent unserer Neukunden sind mittlerweile Millennials.

Welche drei Punkte würden Sie der Politik als Botschaft mitgeben? 
Arnold: Wir haben so viel vor der Brust, das sollte die Politik gemeinsam mit der Privatwirtschaft angehen. Früher waren die Lebensversicherungen die Kapitalsammelstellen des Staats und auch darauf ist das deutsche Wirtschaftswunder zurückzuführen. Nun brauchen wir ein Nachhaltigkeits-Wunder, um das Thema in den Alltag zu integrieren. Und da ist die Lebensversicherungsbranche als krisenresistenter Partner wichtig.  Bei der Altersvorsorge haben wir eine komplexe Welt mit drei Säulen. Hier ist Vereinfachung nötig, nicht noch mehr Komplexität. Wir sollten das Bestehende nehmen und reformieren, keine experimentellen Lösungen schaffen. Die Menschen in Deutschland sind mit den finanziellen Herausforderungen häufig überfordert. Nach Marktforschungsergebnissen wollen 80 Prozent einen Berater, der das für sie organisiert. Lassen sie uns gemeinsam eine Welt schaffen, wo man einen solchen Rat auch bekommen kann.

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Unter der Marke Swiss Life stehen Privat- und Firmenkunden flexible Versicherungsprodukte und Dienstleistungen in den Bereichen Vorsorge und Sicherheit zur Verfügung. Kernkompetenzen sind dabei die Arbeitskraftabsicherung, die betriebliche Altersversorgung und moderne Garantiekonzepte. Der Vertrieb erfolgt über die Zusammenarbeit mit Maklern, Mehrfachagenten, Finanzdienstleistern und Banken. Die 1866 gegründete deutsche Niederlassung von Swiss Life hat ihren Sitz in Garching bei München und beschäftigt über 900 Mitarbeitende.

Die Marken Swiss Life Select, tecis, HORBACH und ProVentus stehen für ganzheitliche und individuelle Finanzberatung. Kunden erhalten dank des Best-Select-Beratungsansatzes eine fundierte Auswahl passender Lösungen von ausgewählten Produktpartnern in den Bereichen Altersvorsorge, persönliche Absicherung, Vermögensplanung und Finanzierung. Für die Sicherheit und finanzielle Unabhängigkeit der Kunden engagieren sich deutschlandweit über 5.100 Beraterinnen und Berater. Mit Swiss Compare hat Swiss Life Deutschland eine Plattform etabliert, um Vermittlern eine optimale Infrastruktur für mehr Zeit in der Kundenberatung und damit weiteres Wachstum zu geben. Hauptsitz für die Finanzberatungsunternehmen mit über 820 Mitarbeitenden ist Hannover.