Sie gilt als neuer Typus der engagierten Frau und wurde mit dem höchsten französischen Literaturpreis ausgezeichnet. Goncourt-Preisträgerin Leïla Slimani über das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen und ihren Kampf für ein selbstbestimmtes Leben.

Frau Slimani, seit Sie vor vier Jahren den prestigeträchtigen «Prix Goncourt» gewonnen haben, reisen Sie in einem rasanten Tempo um die Welt. Wie haben Sie diesen plötzlichen Corona-Stillstand mit der zweimonatigen Ausgangssperre in Ihrem Landhaus in der Normandie erlebt?
Ich denke, mir ist es wie den meisten ergangen, es gab gute und schlechte Tage. Anfangs war ich wie erschlagen, ich konnte weder denken noch handeln. Aber Dostojewski hat recht: Man gewöhnt sich an alles. Teilweise habe ich es sogar genossen, da ich, wie Sie ja schon sagten, in den letzten Jahren sehr viel gereist bin und sehr viele Projekte angesammelt habe. Auf einmal so viel Zeit mit meinen Kindern verbringen zu können, das war recht unverhofft.

In Ihren Romanen und Essays geht es um die Selbstbestimmung der Frau. Krisen haben die Rolle der Frau jeweils nachhaltig verändert. In welche Richtung werden sich die Frauen dieses Mal entwickeln?
Ganz ehrlich, ich weiss es nicht, Schriftstellerinnen sind keine Hellseherinnen, aber natürlich schwächen solche Ereignisse in erster Linie Frauen, Minderheiten und Arme. Angesichts sozialer und wirtschaftlicher Krisen werden die Rechte der Frauen oft in Frage gestellt, der Kampf um ihre Emanzipation gilt plötzlich als zweitrangig. Deshalb müssen wir in den nächsten Monaten sehr aufmerksam sein und jeden Rückschritt verweigern.

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Ich will Frauen dazu ermutigen, das Wort zu ergreifen, ohne Angst.

Sie sind selbst sehr harsch angegriffen worden, weil Sie in der Zeitung «Le Monde» Ihr Lockdown-Tagebuch veröffentlicht haben. Manifestierten sich hier erste Anzeichen eines Backlashs?
Zumindest waren die Bemerkungen unglaublich frauenverachtend: Es hieß, ich sei affektiert, seicht, würde meine Zeit damit verbringen, meinen Kindern vorzulesen und mich in Tulpenfeldern zu rollen. Manche haben mich sogar mit Marie Antoinette verglichen, so als hätte ich das, was ich habe, jemandem weggenommen.

Inwiefern?
Sie meinten, ich hätte kein Recht dazu, meine Gedanken zu veröffentlichen, weil ich eine realitätsfremde Bourgeoise bin. In ihren Augen dürfen sich nur Opfer und Leidende ausdrücken, nur die «echten Leute», zu denen ich nicht gehöre. Das sind klassische Argumente der Populisten und Demagogen. In Marokko greifen mich die Islamisten genauso an, wenn ich mich für die Frauenrechte einsetze: Du bist eine Bourgeoise, also sei still, du bist nicht legitim.

Wie gehen Sie mit solchen Angriffen um?
Es geht dabei ja nicht um mich, aber als Schriftstellerin und als Frau ist es mir wichtig, mich dafür einzusetzen, dass jeder das Recht darauf bekommt, sich auszudrücken. Ich will Frauen dazu ermutigen, das Wort zu ergreifen, ohne Angst. Denn frei sprechen zu können, ist für mich ein Weg, seine Würde zurückzuerlangen. Jeder Versuch, den anderen zum Schweigen zu bringen, scheint mir sehr gefährlich.

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Angesichts sozialer und wirtschaftlicher Krisen werden die Rechte der Frauen oft in Frage gestellt.

In Ihrer Heimat Marokko spielt das Schweigen eine große Rolle. In Ihrem Essay «Sex und Lügen» schreiben Sie, man werde quasi von Staatsseiten dazu angehalten ein Doppelleben zu führen: Die Wahrheit, die man zuhause lebt, gegenüber der Lüge, die man in der Öffentlichkeit präsentiert. Hat Sie diese Diskrepanz dazu animiert, zu schreiben?
Absolut. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in welchem einen die eigenen Eltern zum Lügen ermutigen. Sie sagen: Erzähl bloß nicht in der Schule, dass wir zuhause Alkohol trinken, dass wir dieses oder jenes religiöse Fest nicht feiern, dass deine Tante mit einem Mann einer anderen Religion verheiratet ist. Als Kind hat mich das sehr wütend gemacht, weil die Außenwelt dadurch sehr gefährlich schien. Dabei wollte ich unbedingt dort leben, dort draußen, im Licht. Ich wollte laut sagen, was ich denke und wer ich bin. Ich wollte mich nicht schämen müssen.

In Ihrem neuen Roman «Das Land der anderen» erzählen Sie die Geschichte Ihrer Großmutter, einer Elsässerin, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit Ihrem Großvater, einem Marokkaner, nach Marokko zieht. Warum haben Sie dieses Buch über Ihre Großmutter geschrieben?
Ich würde eher sagen, es ist ein Buch über die Figur, die ich mir von klein auf konstruiert habe, ausgehend von den Geschichten, die meine Großmutter mir erzählte. Sie war eine große Geschichtenerzählerin, eine starke, sehr imposante Frau. Sie war ihrer Zeit voraus, denn sie war in der Lage, nein zu sagen, sich gegen Ungerechtigkeiten aufzulehnen und für das, was sie wollte, zu kämpfen. Außerdem war sie lustig: Wenn jemand kam, der sie langweilte, platzierte sie einen Eimer Wasser über der Tür.

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Wir Frauen müssen in den nächsten Monaten sehr aufmerksam sein und jeden Rückschritt verweigern.

Interessant sind in Ihrem Roman die verschiedenen Lebensmodelle der Frauen: Die Mutter Ihres Großvaters lebt eingesperrt, die Schwester will frei herumlaufen, wie eine Europäerin, und Ihre Großmutter stellt fest, dass das, was ihr in Frankreich normal erschien, in ihrer neuen Heimat erst erkämpft werden muss.
Richtig. Diese Zeit, das Ende der Vierzigerjahre, ist diesbezüglich sehr interessant. Es ist eine Zeit des Umbruchs, in der die Marokkanerinnen erstmals mit europäischen Werten in Kontakt kamen und die Nationalisten beteuerten, ein freies Marokko brauche auch freie Frauen. Meine Großmutter besaß diese Freiheit bereits: Wenn mein Großvater mit seinen Freunden ausgehen wollte, legte sie ihre Schürze ab und rannte ihm hinterher: «Ich komme mit», sagte sie mit ihrem starken elsässischen Akzent. Ihn machte das wahnsinnig, aber sie ließ nicht locker.

Hat das Ihren Drang zur Selbstbestimmung geprägt?
Ja, ich denke, das ist vielleicht die Definition meines persönlichen Feminismus: Ich komme mit. Auch wenn ich nicht eingeladen bin, ich will dabei sein, ich will mitmachen, die Straße gehört auch mir.

Ihre Großmutter hat sich in einem fremden Land durchgekämpft, Sie selbst leben zwischen zwei Ländern und Kulturen. Wie erleben Sie dieses Immer-ein-bisschen-fremd-Sein - als Last oder als Freiheit?
Ich lebe tatsächlich schon immer im Land der anderen, ich habe mich immer anders gefühlt. Manchmal ist das natürlich eine Last. Ich frage mich, wie es wohl ist, wenn man irgendwo fest verwurzelt ist und das Gefühl hat, ganz dazuzugehören. Aber es bedeutet auch Freiheit, besonders beim Schreiben. Denn mich hält keine Loyalität gefangen.

Photo credits: © Catherine Hélie/Edition Gallimard / © Patrice Normand/Opale/Leemage

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Leïla Slimani

Leïla Slimani (38) gilt als der Popstar der französischen Literatur. «Vanity Fair» erklärte sie zu einem neuen Typus der engagierten Frau. Aufgewachsen in Marokko, ärgerte sie sich schon als Jugendliche darüber, weniger Rechte zu haben als Männer. Heute lebt sie in Frankreich, berät Präsident Macron und gewann 2016 den Prix Goncourt, Frankreichs höchste literarische Auszeichnung, für ihren Roman «Dann schlaf auch du». 2020 erschien ihr dritter Roman «Le pays des autres» («Das Land der anderen»), bisher erst auf Französisch.

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