Sie verzichtete auf eine Bilderbuchkarriere in der Kosmetikbranche und gründete den größten Startup-Wettbewerb in Schwellenländern, wofür sie «Forbes» auf die Liste der führenden Sozialunternehmer «unter 30» setzte. Die Französin Alisée de Tonnac über Karriere-Entscheidungen, die Bedeutung von Selbstbestimmung für Millennials und den Optimismus in der Dritten Welt.

Sie waren mit 23 auf dem Weg zu einer tollen Laufbahn beim Kosmetikhersteller L’Oréal und haben gekündigt. Warum das?
Als ich dort anfing, dachte ich, dass der Status und der Firmenname entscheidend seien für meine Karriere. Deshalb arbeitete ich hart für einen guten Lebenslauf mit guten Noten und einen Job in einem renommierten Unternehmen. Mit der Zeit erkannte ich, dass dies nicht mehr zu mir passte, und ich erinnere mich noch gut an den Tag, als unser Abteilungsleiter uns fragte: «Wer von euch ist gewillt, innerhalb der nächsten zehn Jahre hier zu arbeiten?» Alle streckten die Hände in die Höhe – nur ich nicht. Mir war klar geworden, dass ich in dem, was ich machte, einen größeren Sinn suchte. Ich hatte sehr viel Glück, dass ich meine Mitgründer kennen lernen durfte. Ich stürzte mich in mein erstes Abenteuer bei Seedstars, ohne einen Gedanken zu verschwenden. Ich möchte aber auch betonen: Ich habe bei L’Oréal viel gelernt und wende einige der Prozesse auch in unserem Unternehmen an.

Statt sich woanders anstellen zu lassen, haben Sie mit Freunden Seedstars gegründet, den größten Startup-Wettbewerb in Schwellenländern. Wie erkannten Sie die Bedeutung von Selbstbestimmung für sich?
Als ich meinen späteren Gründungspartner Pierre-Alain Masson kennen lernte, war er wie ein Außerirdischer für mich. Was mich an ihm am meisten faszinierte, war, dass wenn er etwas sagte, er es dann auch tat. Es gab keine Grenzen. «Nein» gab es nicht. Das faszinierte mich, auch heute noch. Als Unternehmerin muss man Verantwortung für seine Entscheidungen übernehmen. Man kann sich nicht hinter der Marke oder hinter cc-Mails verstecken. Das Gefühl, dass man nur selber ein Projekt voranbringen kann, ist beängstigend – und gleichzeitig aber auch sehr erfüllend.

Laut Studien suchen Millennials primär Sinnhaftigkeit, aber auch eine gute Work-Life-Balance und Selbstbestimmung im Job. Entwickelt Ihre Generation gerade ein ganz neues Verständnis von Arbeit?
Ich denke schon. Und zwar nicht, weil wir bessere Menschen sind, sondern weil wir in eine Zeit hineingeboren wurden, in welcher der ökologische Schaden des Fortschritts sichtbare Realität geworden ist und Arbeiten einzig für den Gewinn von jemand anderem keine Motivation und vor allem nicht die einzige Option ist. Zudem sind wir davon überzeugt, dass ein guter Zweck und Profit Hand in Hand gehen können: Unternehmen, denen das Dreiergespann Profit, Planet und Mensch nicht wirklich wichtig ist, sind einfach unattraktiv und sind überhaupt nicht damit vereinbar, wie wir aufgewachsen sind. Wir sprechen bei Seedstars sehr offen über Profit und wir sind uns bewusst, dass dies die Luft ist, die ein Unternehmen zum Atmen braucht. Wir vermeiden solche Gespräche oder Strategien nicht, denn wir sind wirkungsorientiert.

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Als ich anfing, dachte ich, dass der Status und der Firmenname entscheidend seien für meine Karriere.

Wenig geändert hat sich jedoch in Sachen Frauenanteil in der Startup-Szene, der nach wie vor sehr tief ist.
Leider ist auch die Startup-Welt von unserem kulturellen Erbe und einer traditionellen Arbeitsteilung geprägt, in der Männer den Fokus auf den Job legen und Frauen sich primär um die Familienaufgaben kümmern. Ein zweiter Grund für den Frauenmangel ist das fehlende Interesse an Informatik. Aber Skalierbarkeit und Digitalisierung sind derzeit die zentralen Themen in der Gründerszene. Der private und der öffentliche Sektor zählen dies zu ihren Top-Prioritäten. Nun stellt sich die Frage, ob sie das umsetzen können.

Was lässt sich dagegen tun?
Bei Seedstars analysieren wir unser Verhalten zuerst intern, bevor wir extern «Regeln» einführen. Weil der Frauenanteil bei unseren Wettbewerben jeweils nur bei 10 bis 20 Prozent liegt, haben wir damit begonnen, in unseren Startup-Pitching-Events reine Frauen-Panels zu etablieren. Auch intern sensibilisieren wir stärker, indem wir unsere Jobinserate anders formulieren, damit sich Frauen explizit angesprochen fühlen. Und im Bewerbungsverfahren planen wir mehrere Gespräche pro Kandidaten ein, weil erwiesen ist, dass Frauen dies gegenüber schriftlichen Tests bevorzugen. Ein anderer Punkt ist die Gehaltdiskussion: Da Männer öfter und härter über ihr Gehalt verhandeln, sensibilisieren wir unser Team mit Lenkungsmechanismen, damit in unserer Firma nicht der klassische Gender Pay Gap entsteht.

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Wir Millennials sind davon überzeugt, dass ein guter Zweck und Profit Hand in Hand gehen können.

Beim Seedstars-Wettbewerb pitchen Jungunternehmer in über 85 Städten. Wer überzeugt, erhält bis zu 500 000 Dollar und bekommt Zugang zu einem Netzwerk aus Geldgebern und Unternehmen. Warum suchen Sie in Schwellenländern vielversprechende Firmen und nicht im wohlhabenderen Westen?
Diese Länder werden 2020 fast 85 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen und 90 Prozent der Menschen unter 30 Jahren leben dort. Man kann also nicht mehr gut vom «Rest» oder vom «Westen» sprechen. Die Märkte wachsen und aufgrund der Demokratisierung der Technologie und des Aufstiegs einer unternehmerischen Generation glaube ich, dass diese Länder immer mehr zu Innovationszentren werden. Zudem hat eine interessante Studie gezeigt, dass die Generation der Millennials eine globale Bewegung ist und nicht ein Konstrukt der Industriestaaten. Es geht hier wirklich um den Aufstieg künftiger Leader, die von Sinnhaftigkeit gelenkt werden.

Sie haben in den letzten fünf Jahren über 50 Länder besucht. Welche Region hat Sie besonders beeindruckt?
Es ist faszinierend, wie ähnlich die Jungunternehmer dank der Globalisierung und der Digitalisierung ticken und wie konsequent sie ihre Ziele verfolgen. Und ich habe erkannt, dass diese Länder teilweise weiter sind als wir. So ist es in den meisten Schwellenländern längst üblich, per Handy zu bezahlen. Und in Ruanda soll der erste Drohnenflughafen den Betrieb aufnehmen, um schnell benötigte Blutkonserven in die Krankenhäuser zu transportieren. Das ist spannend!

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In ärmeren Ländern herrscht ein Drang, vorwärtszukommen, und die Unternehmer wollen den Status quo anfechten.

Kommen die Startup-Unternehmer aus allen Schichten?
Leider nicht. Die meisten Tech-Unternehmer, die wir antreffen, verfügen über die Mittel, um ein Startup aufzubauen. In den letzten Jahren haben wir Wege gesucht, wie wir mehr aufstrebende Unternehmer mit unserem Investment Readiness Program und unseren Akademien unterstützen können. Kleine und mittlere Unternehmen unterstützen wir mit Krediten. Wir haben in Nigeria und in Myanmar begonnen, folgen werden Tansania und Ägypten.

Was können wir von den Jungunternehmern aus den ärmeren Ländern lernen?
Was ich von meinen Reisen mitgenommen habe, war dieser unbändige Optimismus trotz manchmal widrigen Bedingungen. Es herrscht ein Drang, vorwärtszukommen, und die Unternehmer wollen den Status quo anfechten und das Leben der Bürger verbessern.

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Eine Weltenbürgerin

Alisée de Tonnac (31) ist CEO von Seedstars World, einem Schweizer Unternehmen, das weltweit nach innovativen Jungunternehmern sucht und diese unterstützt. Neben dem Startup-Wettbewerb in über 85 Ländern betreibt Seedstars einen Investment-Arm, bei dem Investoren aus Industrieländern Startups unterstützen können, eine Talentschmiede und viel Infrastruktur wie eigene Co-Working- und Schulungszentren. De Tonnac wuchs in Frankreich, Singapur und in den USA auf und absolvierte ein BWL-Studium in Lausanne. Heute lebt sie in Genf.

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