Strampeln für die Seele

Ein Fitnesstrend aus den USA erobert jetzt auch Deutschland: Soul-Cycling – eine Mischung aus Radfahren und Tanzparty. Also Licht aus, und ab auf den Sattel.

Etwa 30 Indoor-Räder stehen in dem dunklen Raum, darüber eine Diskokugel, vorne eine Trainerin, viele Tattoos, wenig Kleidung. Sie hat für alle ein strahlendes Lächeln und ein High-five. „Schön, dass ihr da seid, lasst uns Gas geben, die Welt da draußen für einen Moment vergessen. Es geht nur um euch selbst.“

Und los geht das selbstvergessene Strampeln zu Chartmusik auf Clublautstärke. An der Wand des Hamburger Studios leuchtet in Neon der Schriftzug „Get excycled“, die Beats wummern aus den Lautsprechern. Man tritt in die Pedale, macht im Takt der Musik Push-Ups und Push-backs, schnell und schneller, versucht, das Tempo und die Choreographie der Trainerin zu halten. Der Schweiß fließt nach wenigen Minuten, die Endorphine fangen an zu wirken, der Rest scheint gerade egal zu sein. „Put the fun between your legs“ steht an der Wand – und Spaß haben tatsächlich alle im Raum, sie singen mit, schmeißen den Kopf von links nach rechts, wackeln mit den Hüften, als wären sie allein auf einer Tanzfläche. Ein bisschen sexy darf es sein. Nach 45 Minuten sind alle nassgeschwitzt und strahlend glücklich.

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Hicycle-Studio in Hamburg

2007 hatten zwei New Yorkerinnen die Idee für „Soul Cycling“, und eröffneten das erste Studio. Schnell wurde aus ihrer Idee eine Kette. Strampeln für die Seele traf den Nerv der Zeit und all derer, denen Yoga manchmal zu langsam ist, die aber doch nach Achtsamkeit suchen im Sport, die den Moment genießen wollen, ja kurz mal radeln als gäbe es kein Morgen. Auch Lady Gaga soulcycelt, Chelsea Clinton ließ sich von dem elektrisierenden Lebensgefühl ebenso anstecken wie Tom Cruise oder Kate Perry.

Soul Cycle kombiniert Ausdauer und Muskelaufbau mit Sinneserfahrung und eroberte im Eiltempo die Großstädte Amerikas – auch weil es ein praktisches Konzept ist. Niemand muss Mitglied werden, man kommt vor oder nach der Arbeit, zum Lunch oder vorm Dinner, meldet sich kurz vorher online an und kauft ein Ticket für einen Kurs. Vor Ort bekommt man Schuhe, Wasser, Handtuch, Haargummi. Die Studios sehen nicht aus wie moderne Folterkammern, sondern wie der Wellnessbereich eines Designhotels.

Der Spaß kostet 34 Dollar pro 45 Minuten. Im vergangenen Jahr machte die Kette über 120 Millionen Dollar Umsatz, derzeit wird der Börsengang vorbereitet, eine Expansion nach Europa ist geplant. „In New York geben die Leute auch mal 30 Dollar für einen Cocktail aus“, sagt Soul-Cycle-Gründerin Elisabeth Cutler. „Warum dann bei der Summe für ein berauschendes Sporterlebnis zögern?“

In Deutschland haben bereits mehrere Anbieter das Konzept erfolgreich kopiert. Das Radfahren zur Bewusstseinserweiterung nennt sich dann etwa Hicycle in Hamburg oder Becycle in Berlin. Um die 30 Euro kostet ein Kurs auch hier, dafür werden aber angeblich auch bis zu 600 Kalorien pro Stunde verbraucht. Und den unmittelbaren Seelenfrieden gibt es obendrein.

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Becycle-Studio in Hamburg

Berlin Becycle, Brunnenstraße 24, 10119 Berlin, www.becycle.de
Hicylcle, Eppendorfer Baum 23, 20249 Hamburg, www.hicycle.de
Xtracyle Am Gleisdreieck 1-5, 50823 Köln, www.xtrafit.de

Bildnachweise: hicycle.de / becycle.de

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