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Es ist nie zu spät,…

... sein Leben umzukrempeln. Das hört sich gut an, ist aber gar nicht so leicht. Zu groß der eigene Schweinehund, zu gering der Antrieb. Schließlich stellt Veränderung ja immer auch ein Risiko dar. Eines, das sich allerdings häufig lohnt.

Jennifer Timm war unzufrieden. Und das obwohl sie eigentlich alles hatte, was sie sich wünschte: eine glückliche Familie und einen guten Job als Teamleiterin im Personalbereich. „Ich fühlte mich ständig fremdbestimmt“, sagt sie heute. Wie in einem Hamsterrad. Keine Zeit durchzuatmen, keinen Freiraum, das zu tun, was sie wirklich erfüllt. Frustration machte sich breit – und übertrug sich auf die Kinder. Die reagierten mit Allergien, die Schulmedizin konnte nicht helfen. 

Dann der Wendepunkt: „Ich besuchte einen Vortrag über Geopathologie und lernte, dass schon ein schlechter Schlafplatz krank machen kann.“ Neugierig auf mehr, bildete sich die zweifache Mutter weiter, bis sie den Schritt in die Selbstständigkeit wagte. Heute hat sie eine eigene Praxis, bietet Hypnose, Kinesiologie und Entspannungsübungen an. „Ich bin viel ausgeglichener, fühle mich freier.“

Jennifer Timm an ihrer Haustür

Die 47-Jährige ist kein Einzelfall. Laut einer aktuellen Studie von Swiss Life haben sich 50 Prozent der Deutschen beruflich schon einmal komplett neu orientiert. Genauso viele können es sich in Zukunft vorstellen.

Doch es muss ja nicht immer der komplette berufliche oder private Wandel sein. Auch mit kleinen Dingen können wir unser Leben schon umkrempeln. Warum das manchmal gut tun kann, haben Wissenschaftler an der Universität im kalifornischen Santa Barbara 2016 untersucht. Sie verordneten ihren Probanden mehr Sport, Meditation und regelmäßige Bettzeiten. Auch die Ernährung stellten sie um – gesünderes Essen, weniger Alkohol. Fazit nach sechs Wochen: flexiblere Muskeln, bessere Blutwerte, höhere Konzentrationsfähigkeit, stärkeres Selbstwertgefühl. 

Es  bringt uns also offensichtlich weiter, wenn wir etwas verändern. Wie wir das hinbekommen, können wir in unzähligen Ratgebern nachlesen. „Ganz leicht“ soll das laut Experten gehen, manchmal sogar „in nur 60 Sekunden“. Komisch, dass so viele (Silvester-)Vorsätze dann scheitern. 

William James, der als einer der Väter der Psychologie gilt, hatte schon 1892 eine Begründung dafür: „Unser ganzes Leben, so lange wie es eine bestimmte Form hat, ist nichts als eine Anhäufung von Gewohnheiten.“ Ich stehe auf, wenn der Wecker klingelt, putze meine Zähne, ziehe mich an, binde meine Schnürsenkel zu – all das passiert quasi von ganz allein. 

Also alles in Stein gemeißelt? Ist es doch zu spät, um das Leben umzukrempeln? Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth im Interview.

Herr Professor Roth, warum braucht der Mensch Gewohnheiten?

Das Gehirn strebt in aller Regel danach, seine Funktionen wie Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln gewohnhaft zu machen, das heißt zu automatisieren. Das ist zum einem stoffwechselmäßig für das Gehirn „billig“ – neue Dinge zu verarbeiten ist „teuer“ – , und zum anderen mindern Gewohnheiten das Risiko, etwas falsch zu machen. Deshalb neigen die meisten Menschen dazu, weiterzumachen wie bisher, auch wenn es gewinnbringender wäre, sich zu verändern.

Inwiefern?

Etwas zu verändern, ist für das Gehirn teuer. Damit wir an unseren Gewohnheiten festhalten, belohnt unser Gehirn das „Weitermachen wie bisher“ durch die Ausschüttung von hirneigenen Belohnungsstoffen, sogenannten endogenen Opioiden. Deshalb sprechen wir auch oft von den „lieben“, das heißt angenehmen Gewohnheiten! Wenn man sich ändern will, so muss die Belohnungserwartung dafür viel höher sein als die Belohnung für das „Weitermachen wie bisher“.

Kann der Mensch sich dann überhaupt wirklich weiterentwickeln?

Ja, er kann es, wenn für ihn eine Belohnung dafür ersichtlich ist. Diese kann materiell sein zum Beispiel mit Hilfe von Geld, sozial via Anerkennung, Ruhm, Ehre,… oder intrinsisch, zum Beispiel durch Freude an der Selbstentwicklung oder am eigenen Tun. Aber diese Belohnungsaussicht muss stark sein. Allein aus sich selbst sich weiterzuentwickeln ist schwer, besser ist es, Hilfe von außen, also Motivation, Vorbilder und Ansporn zu erhalten.

Haben Sie einen Tipp – wie gehe ich am besten vor, wenn ich Routinen durchbrechen will?

Ja, man muss sich konkrete Ziele setzen, die stark motivieren, das heißt eine materielle, soziale oder intrinsische Belohnung versprechen. Am besten mit Unterstützung von außen!

Gerhard Roth ist promovierter Philosoph und Biologe. Er lehrt als Professor für Verhaltensphysiologie an der Universität Bremen. Außerdem ist er Autor verschiedener Bücher, unter anderem „Wie das Gehirn die Seele macht“. 

© Fotos: thinkstock

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