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«Mir ist egal, was die Leute über mich denken»

Sie war eine Ikone der Swinging Sixties und wurde danach drogensüchtig und obdachlos. Heute ist Marianne Faithfull 71 und macht immer noch hochgelobte Musik. Die Grand Old Lady des Rock ’n’ Rolls über ein Leben zwischen Selbstzerstörung und Selbstbestimmung.

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Marianne Faithfull, Sie haben kürzlich mit 71 Jahren Ihr 21. Album «Negative Capability» veröffentlicht. Was gefällt Ihnen daran besonders?
Es ist sehr ehrlich, das ehrlichste von allen. Das bedeutet nicht, dass ich bisher unehrlich war, überhaupt nicht. Nur habe ich mit dem Alter gelernt, nicht mehr darauf zu achten, was andere über mich denken oder sagen. Es ist mir nicht mehr wichtig. Ich habe endlich nicht mehr das Gefühl, mich verstecken zu müssen. Das ist sehr befreiend.

Mussten Sie das denn bisher?
Selbstverständlich! Je mehr man von sich preisgibt, desto leichter können die Leute einen angreifen oder in eine Schublade stecken. Man muss da sehr vorsichtig sein. 

Besonders wenn man, so wie Sie, seit dem 17. Lebensjahr im Rampenlicht steht. Man hat Sie im London der 1960er-Jahre als Engelsstimme gefeiert und später als Sinnbild des Absturzes verflucht. Sie wurden immer wieder zum Symbol erhoben: zu dem der Unschuld, des Lasters, der Sucht, des Verfalls, des Überlebens. Wie findet man seinen eigenen Weg, wenn man permanent von aussen definiert wird?
Das ist enorm schwer. Die Leute projizieren wahnsinnig viel in einen. Besonders in die Frauen, besonders im Pop-Geschäft jener Zeit. Das ging nicht nur mir so, Yoko Ono zum Beispiel hat darunter mindestens so gelitten wie ich. Damals, als sie mit John Lennon zusammenkam, da fiel man regelrecht über sie her, weil man befand, dass sie nicht die Richtige für ihn sei. Als ob das irgendjemanden etwas angehen würde!

Wie sehr die Männer damals das Sagen hatten, zeigt auch der Umstand Ihrer Entdeckung.
Richtig, das war auf einer Party. Da fragte Andrew Oldham, der Produzent der Rolling Stones, meinen damaligen Freund: «Kann sie singen?» Er antwortete: «Ich weiss es nicht, ich glaube sie ist ganz okay!» Und dann machten sie einen Termin für mich aus, so als sei ich nicht da. Dabei stand ich die ganze Zeit daneben.

Hat Sie das geärgert?
Damals nahm man Frauen einfach nicht als Menschen mit einem Gehirn wahr. Das war einfach so.

Der erste Hit «As Tears Go By»: Marianne Faithfull, 1964.

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Grand Old Lady des Rock ’n’ Rolls

Marianne Faithfull (71) begann vor über 50 Jahren ihre Laufbahn als Sängerin. Ihren ersten Hit hatte die Tochter aus gutbürgerlichem Londoner Hause 1964 mit der Ballade «As Tears Go By», die ihr damaliger Freund Mick Jagger mit Keith Richards für sie geschrieben hatte. Lange galt sie als Starlet und Sexsymbol, später machte sie mit Drogenproblemen Schlagzeilen. Erst seit ihr mit dem Album «Broken English» 1979 ein Comeback gelang, wird sie auch von Kritikern ernst genommen. Daneben startete sie in den 1980er-Jahren auch eine erfolgreiche Karriere als Schauspielerin. Kürzlich ist ihr neues Album «Negative Capability» erschienen, mit dem der in Irland und Paris lebenden Sängerin mit Gaststars wie Nick Cave ein brillantes Werk gelungen ist.

Infolgedessen nahmen Sie den Song «As Tears Go By» auf, den Mick Jagger und Keith Richards für Sie geschrieben hatten, und wurden berühmt. Auf der aktuellen Platte haben Sie das Stück nochmals eingespielt. Wie ist es, ihn nach so vielen Jahren wieder zu singen?
Ursprünglich wollte ich den Song nicht drauf haben, aber jetzt freue ich mich darüber. Ich habe ihn in meinem Leben dreimal aufgenommen, in sehr verschiedenen Phasen. Und ich empfinde es jedes Mal anders.

Apropos Phasen: Sie haben in Ihrem Leben harte Zeiten durchgemacht. Die «Swinging Sixties» endeten für Sie in der Drogensucht und für ein paar Monate sogar auf der Strasse. Wie konnte es dazu kommen?
Ich wollte flüchten. Weg von meiner Mutter, weg von den Stones, der ganzen Gesellschaft. Ausserdem hatte ich als junge Frau «Naked Lunch» gelesen und dachte, dieses Buch sollte das Vorbild für mein Leben sein. Als ich den Autor William Burroughs später kennen lernte und wir Freunde wurden, hat er über diese Beichte sehr gelacht: «Das war doch nicht für dich gedacht!»

Und als alle dachten, Sie seien für immer von der Bildfläche verschwunden, kamen Sie 1979 mit «Broken English», der ersten Platte seit 1964, zurück und starteten eine ganz neue Karriere. War das der erste grosse Akt in Richtung Selbstbestimmung?
Auf jeden Fall war es mein Aufbruch. Diese Platte ist extrem wichtig für mich, sie hat mir das Leben gerettet. Ich habe mich darin erstmals wirklich zu zeigen versucht. 

«The Ballad Of Lucy Jordan» vom Comeback-Album «Broken English»: Marianne Faithfull, 1979.

Sie schrieben dazu einmal: «Ich dachte, ich würde sterben, dies war meine letzte Chance, ein Album aufzunehmen. Ich werde euch Bastarden zeigen, wer ich bin.»
So habe ich das auch empfunden. Die Bastarde, das war die Presse.

Die Sie immer falsch verstanden hat?
Ja, so wie die meisten von uns. Wobei: In den Kritiken von «Negative Capability» fühle ich mich erstmals als das erkannt, was ich bin. Es kommt zwar zu spät, weil es mir ja heute wie gesagt egal ist, aber ein bisschen freue ich mich natürlich trotzdem darüber.

Sie haben sich vor drei Jahren schwer am Rücken verletzt und leben seither mit schlimmen Schmerzen. Warum machen Sie trotzdem weiter?
Ich bin unglücklich, wenn ich nicht arbeite, es tut mir nicht gut. Als ich wegen des Rückens eine Zeit lang nur noch im Bett liegen konnte, da habe ich begonnen, die neuen Songs zu schreiben, das hat mir geholfen.

«The Gypsy Faerie Queen» vom neusten Album: Marianne Faithfull, 2018.

Ist Musik also eine Art Therapie?
Nein, nein! Therapie ist Therapie und Songs schreiben ist Songs schreiben, das sind zwei verschiedene Dinge. Man interpretiert zu viel in diese Sachen hinein.

Trotzdem verarbeiten Sie in Ihrem neuen Album viel. Etwa den Verlust von guten Freunden.
Ja. Das liegt aber nur daran, dass ich über die Dinge schreibe, die gerade in meinem Leben passieren. Und leider sind in den letzten Jahren viele gute Freunde gestorben. In meinem Alter ist das allerdings auch normal.

Fühlen Sie sich einsam?
Ich lebe alleine, aber habe Freunde, die ich sehr liebe. Ich bin allein, aber nicht einsam.

Bereuen Sie etwas?
Nein, eigentlich nicht. Ich bin kein nostalgischer Mensch, ich schaue wenig zurück. Was vorbei ist, ist vorbei. Es ist nicht mehr die Realität.

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