Interview mit Jane Goodall

Jane Goodall hat als junge Frau unser Denken über Primaten – und über uns Menschen – revolutioniert. Sie musste ihre Forschungsresultate gegen das wissenschaftliche Establishment verteidigen.

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Sie wurden ohne wissenschaftliche Ausbildung zur einflussreichsten Primatenforscherin der Welt. Woher kommt Ihr Mut zur Selbstbestimmung?

Ich hatte das große Glück, eine Mutter zu haben, die mich immer unterstützte. Als Kind las ich viele Bücher über Tiere, die ich mir jeweils aus der Bibliothek holte, da wir wenig Geld hatten und der 2. Weltkrieg tobte. Mit zehn Jahren beschloss ich, als Erwachsene nach Afrika zu reisen, um dort mit wilden Tieren zu leben und Bücher über sie zu schreiben. Alle lachten mich aus. Wie wollte ich das anstellen? Afrika war weit weg, es war enorm teuer, dorthin zu gelangen – und ich war «nur ein Mädchen». Mir wurde gesagt, ich solle von Dingen träumen, die ich tatsächlich erreichen könnte. Aber nicht so meine Mutter. Sie sagte mir einfach, wenn ich das wirklich tun wolle, müsse ich sehr hart arbeiten, alle Möglichkeiten nutzen – und niemals aufgeben.

Dieser Ratschlag war offensichtlich erfolgreich.
Ich habe ihn schon Tausenden von jungen Menschen gegeben und ich wünschte, Mama wäre am Leben, um zu hören, wie viele Leute zu mir schon gesagt haben: «Jane, danke! Du hast mir das beigebracht. Weil du es getan hast, konnte ich es auch tun.» Meine Mutter lehrte mich auch, Menschen mit anderer Meinung zuerst zuzuhören. So würde ich verstehen, warum sie so dachten, wie sie es taten. Und vielleicht würden sie ja etwas sagen, das mich dazu bringen würde, meine eigene Position zu überdenken. Aber wenn ich nach dem Zuhören immer noch glaubte, richtig zu liegen, dann solle ich auch den Mut haben, zu meinen Überzeugungen zu stehen. Ich verdanke viel von meinem Erfolg meiner weisen Mutter.

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Ihre Forschung zeigte – entgegen der damals vorherrschenden Meinung –, dass auch Schimpansen einen Verstand und komplexe Gefühle haben.
Schimpansen haben ganz unterschiedliche Persönlichkeiten,wie ich in meiner Zeit unter ihnen beobachten konnte. Ich sah, wie sie leichtreizbar, schlau oder mutig sein können. Ich sah, wie sie sich traurig fühlen,wie sie sich fürsorglich zeigen oder wie sie mit großer Brutalität gegeneinander kämpfen. Ich sah, wie sie sich zärtlich umarmten und küssten. Ich sah ihr menschenähnliches Verhalten.

Trotzdem lehnten die etablierten Wissenschaftler Ihre Forschungsresultate anfangs ab.
Sie sagten mir, ich hätte alles falsch gemacht. Das sei unwissenschaftlich. Ich könne den Schimpansen doch nicht menschliche Eigenschaften, Gefühle oder einen Verstand zusprechen.

Was braucht es, um eine Pionierin wie Sie zu werden?
Am wichtigsten ist die Entschloßenheit zum Erfolg. Dann braucht es Geduld, denn der Erfolg kommt nicht immer schnell. Auch bin ich ein starrköpfiger Mensch – wenn dies das richtige Wort ist: Ich gebe nicht so leicht auf; ich bin bereit, an meiner Meinung festzuhalten und mich nicht einschüchtern zu lassen. Einige mögen das Mut nennen. Und es ist wichtig, optimistisch zu bleiben – denn ohne Hoffnung wird man gleichgültig und gibt auf.

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Was bedeutet Selbstbestimmung für Sie?
Ich kann es nicht besser als Shakespeare in Julius Caesar formulieren: «Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus, durch eigene Schuld nur sind wir Schwächlinge.» Wir sind für unser Schicksal selber verantwortlich. Wir müssen an uns selbst glauben.

Ist Selbstbestimmung auch für Schimpansen wichtig?
Was man beobachten kann: Manche Männchen sind mehr als andere sehr motiviert, eine hohe Position in der Männerhierarchie zu erreichen. Interessanterweise sind es oft diejenigen, die in jungen Jahren unterstützende Mütter hatten. Die meisten Männchen werden irgendwann ein höherrangiges herausfordern. Wenn es dann zu einem Kampf kommt und das junge Männchen verletzt wird, kann es an diesem Punkt seine Aspirationen aufgeben. Aber einige geben einfach nicht auf, bis sie alle Rivalen besiegt haben. 

Sie sind 85 Jahre alt und immer noch sehr aktiv. Was ist das Geheimnis eines langen Lebens?
Ich habe das Glück, gute Gene zu haben. Meine Grossmutter wurde 98, meine Mutter 96 und mein Vater 97. Und selbst mein Onkel erreichte trotz Alkoholproblemen und einem Herzinfarkt das Alter von 88 Jahren. Von meinem Vater habe ich eine starke Konstitution geerbt. Und dann bin ich seit Anfang zwanzig Vegetarierin, seit ich von den Massentierhaltungen erfuhr. 

Was ist der Sinn des Lebens?
Das ist wohl für jeden anders. Für mich ist das Leben eine Herausforderung. Es ist, als hätte man mir eine Mission gegeben; das Bewusstsein zu schärfen für den Schaden, den wir unserem Planeten zufügen, und den Menschen Hoffnung zu geben. Deshalb habe ich unser Jugendprogramm Roots & Shoots gestartet. Inzwischen gibt es in über 50 Ländern Gruppen jeden Alters, vom Kindergarten bis zur Universität, die alle an Projekten ihrer eigenen Wahl arbeiten, um eine bessere Welt für Mensch, Tier und Umwelt zu schaffen. Jeder und jede Einzelne hat in diesem Leben eine Rolle zu spielen. Jeder Einzelne kann einen Beitrag leisten, jeden Tag. Gemeinsam können wir die Welt verändern, bevor es zu spät ist.

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Jane Goodall: Schimpansenforscherin und Umweltaktivistin

Jane Goodall, 85, ist eine der berühmtesten Tierforscherinnen und Naturschützerinnen der Welt. 1960, erst 26 Jahre alt, begann sie in Tansania mit der ersten Langzeitstudie über wilde Schimpansen. Sie fand heraus, dass Schimpansen selbstgemachte Werkzeuge benutzen. Zum Beispiel entlauben sie Pflanzenstängel und stochern mit ihnen in Termitenhügeln, um Futter zu suchen. Das widersprach der bisherigen wissenschaftlichen Theorie, wonach nur der Mensch Werkzeuge herstellen konnte. Goodall wurde mit einem Schlag weltberühmt. Das Jane Goodall Institute setzt sich für den Schutz von Primaten ein. Die Projekte erstrecken sich von Natur- über Artenschutz bis zur Entwicklungszusammenarbeit und sollen den Menschen, den Tieren und der Umwelt helfen. Im Programm Roots & Shoots («Wurzeln und Sprösslinge») können sich Kinder und Jugendliche engagieren. Jane Goodall spricht am 2. November um 16 Uhr am DigitalEvent in der Trafohalle Baden und am 3. November um 14 Uhr an der Universität Zürich-Irchel. Der Erlös kommt den Projekten des Jane Goodall Instituts Schweiz zugute.

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Bilder: Michael Neugebauer; The Jane Goodall Institute / Michael Cox; Vincent Calmel

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