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«Wir geben viel Selbstbestimmung auf»

Die Algorithmen von Google und Co. nehmen den Menschen immer mehr Entscheidungen ab. Zu einem Großteil gewinnbringend – manchmal aber auch intransparent und mit verdeckten Motiven. Der Schriftsteller Daniel Kehlmann zieht im Interview Parallelen zwischen der Druckerpresse und Facebook und spricht über die Kraft von Geschichten und Romanen.

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Wir leben in einer Zeit, in der einem überall Unterhaltung und Ablenkung geboten wird. Harte Konkurrenz für Autoren, die ihren Lesern viel Konzentration abverlangen?
Das ist natürlich ein Problem. Ich selbst lese heute auch weniger als vor 15 Jahren. Aber ich merke bei mir, wie das Serienschauen wieder abnimmt. Eine Zeit lang hatte ich das Gefühl, ich schaue pausenlos Fernsehserien. Aber dann haben die Serien angefangen, mich zu langweilen. Serien sind inzwischen immer auf Unendlichkeit ausgelegt, Staffel folgt auf Staffel. Da lese ich lieber ein Buch; da weiss ich, ich habe noch hundert Seiten und dann ist auch mal wieder Schluss.

Sie sind Vater. Gibt es im Kinderzimmer Ihres Sohnes viele Bücher?
Er schaut auch lieber Filme, als dass er Bücher liest. Und er zieht Comics Büchern ohne Bilder vor. Aber ich lese ihm gerade Herr der Ringe vor. Da gibt’s auch mal 20 Seiten nur Landschaftsbeschreibungen, aber die Kraft der Geschichte ist so groß, dass er sich nicht langweilt. Das gibt mir dann wieder Vertrauen in die Kraft des Geschichtenerzählens.

«Eine Zeit lang hatte ich das Gefühl, ich schaue pausenlos Fernsehserien. Aber dann haben die Serien angefangen, mich zu langweilen. »

Geschichtenerzählen braucht Zeit. Sehen Sie Ihre Romane auch als ein Gegenentwurf zum schnellen Leben im Zeitalter von Twitter und Facebook?
Ja, absolut. Das ist das Schöne am Roman. Er geht so sehr in die Tiefe. Ein Roman ist Anti-Twitter, in jeder Hinsicht. Das gilt sowohl für mich als Autor – an meinem Roman «Tyll» habe ich fünf Jahre gearbeitet – aber auch für die Leser, die sich Zeit nehmen, sich tiefer mit etwas zu beschäftigen.

Wie halten Sie es denn selbst mit den digitalen Medien? Freude oder Abneigung?
Abneigung nicht, nein. Aber es ist schon wahr: Facebook ist an fast allem Schlimmen mitschuld, das in der letzten Zeit auf der Welt passiert ist. Ohne Desinformationskampagnen, die über Facebook gelaufen sind, gäbe es weder Brexit noch Donald Trump noch Bolsonaro in Brasilien. Wir sind derzeit in einem Stadium der kollektiven Verwirrung, die etwa ähnlich ist wie in den Jahrzehnten nach der Erfindung der Druckerpresse. Die Welt wurde damals überschwemmt mit Flugschriften und mit aller möglichen Propaganda. Aber die Menschen haben dann gelernt, damit umzugehen. 

Die Frage ist, wie viele Kollateralschäden wir uns in dieser Lernzeit erlauben?
Genau. Aber ich bin da gar nicht so pessimistisch, wir werden das lernen. Aber es ist schon so, für England ist zum Beispiel der Schaden jetzt schon gewaltig. 

In den sozialen Medien können wir nicht alles selbst bestimmen, im Hintergrund arbeiten Algorithmen, die wir nicht kennen. Bereitet Ihnen das Sorgen?
Diese Selbstbestärkung durch Algorithmen ist ein riesiges Problem. Es gibt eine scheinbare Informationsverfügbarkeit, wo aber in Tat und Wahrheit die Informationen, die wir bekommen, durch Algorithmen gefiltert werden. Und diese Algorithmen beobachten uns und verfolgen eigene Interessen - sie wollen, daß wir auf bestimmte Dinge klicken. Das ist ein Problem, das politisch gelöst werden muss.

«Früher war die Welt vielleicht poetischer, aber die Menschen hatten buchstäblich andauernd Schmerzen. Da sollten wir schon dankbar sein.»
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Daniel Kehlmanns neuster Roman "Tyll"

Ist unsere Bequemlichkeit daran schuld, dass wir Freiheiten aufgeben, um dafür von Computern personalisierte Vorschläge zu erhalten?
Natürlich, wir geben ganz viel Selbstbestimmung auf. Aber wir bekommen dafür einiges geboten, sonst würden wir das ja nicht tun. Ich nutze beispielsweise immer Google Maps. Ich bin jemand, der sich früher stets verirrt hat. Dass ich mich jetzt in fremden Städten zurechtfinde, ist absolut fantastisch. Gleichzeitig gebe ich natürlich jede Menge privater Daten preis und Google verdient damit Geld. Wir stehen heute täglich vor diesen Entscheidungen und lösen das Problem praktisch immer zugunsten der persönlichen Bequemlichkeit. Ich kann mich da nicht ausnehmen.

Für einige Ihrer Romane sind Sie tief in die Geschichte abgetaucht. War denn früher alles besser?
Im Gegenteil, fast alles war schlechter. Wirklich. Wir haben ganz großes Glück, heute zu leben. Während wir hier sitzen, kam die Nachricht, dass gerade der zweite Patient von Aids geheilt wurde. Es gibt gute Aussichten, dass in 20, 30 Jahren der Krebs besiegt sein könnte. Die Fortschritte, welche die Medizin gerade in jüngster Zeit macht, sind unglaublich. Früher war die Welt vielleicht poetischer, aber die Menschen hatten buchstäblich andauernd Schmerzen. Da sollten wir schon dankbar sein.

Die Fortschritte der Medizin bringen uns auch ein immer längeres Leben. Freuen Sie sich auf den hundertjährigen Daniel Kehlmann?
Ich hoffe, dass ich alt werde, aber ich freue mich nicht darauf, alt zu sein (lacht).

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Daniel Kehlmann

Daniel Kehlmann, geboren 1975, gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern der deutschen Nachkriegsliteratur. Mit 22 Jahren veröffentlichte Kehlmann seinen ersten Roman "Beerholms Vorstellung". Der internationale Durchbruch gelang ihm spätestens mit „Die Vermessung der Welt“, welches nicht nur in vierzig Sprachen übersetzt wurde, sondern 2006 auch zu den weltweit bestverkauften Büchern gehörte. In seinem neusten Werk „Tyll“ lässt Daniel Kehlmann den Narren Till Eulenspiegel durch den dreissigjährigen Krieg ziehen. Kehlmann wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Candide-Preis oder der Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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